Bis zu seiner Pensionierung war er Leiter des Bauverwaltungsamtes bei der Stadtverwaltung.Das war er 25 Jahre lang. Er, der den Wandel von der im Krieg fast völlig zerstörten Stadt aus allernächster Nähe miterlebt hat, er erzählt uns seine Geschichte. Er hat Bücher geschrieben, sein letztes behandelt die Geschichte der Schweinfurter Gasthäuser. Zusammen mit einer Ausstellung in der Glashalle des Konferenzzentrums auf der Maininsel wurde dieses Werk im letzten Herbst der Öffentlichkeit vorgestellt. Beschrieben hat Edgar Lösch die spannende Zeit, als aus den Bierschenken der Büttner, die ihr Bier im städtischen Brauhaus an der Johannisgasse noch selbst brau-ten, langsam Gasthäuser geworden sind, die ihren Gästen auch Speisen und Übernachtungsmöglichkeiten darboten. Die Gasthäuser wurden Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt mit wichtigen sozialen Funktionen.
Geboren ist er in der Schweiz,
der Schweinfurter. Dieser Umstand ist den Wirren des 2. Weltkrieges geschuldet. Vater Felix Lösch stammte aus Gaibach. Sein täglicher Arbeitsweg mit dem Fahrrad, auch im tiefsten Winter, führte den Gaibacher Berg hinauf, vorbei an der Konstitutionssäule, hinunter nach Kolitzheim, durch Unterspiesheim und den Schwebheimer Wald nach Schweinfurt. Vater Felix Lösch hatte eine gute Arbeit bei Sachs in Schweinfurt. 1929, in der Weltwirtschaftskrise, war es auf einmal für viele, auch für Felix Lösch, auf einen Schlag vorbei. Der Schwarze Donnerstag, am 24. Oktober 1929 und vor allem der damit verbundene Börsencrash zwang auch die Schweinfurter Großindustrie in die Knie. Er hat sich wie viele sofort um Arbeit bemüht und hat es natürlich auch beim Kugelfischer versucht. Er erntete Schulterzucken, auch der Kufi musste viele Leute entlassen. Irgendein bis heute ungeklärter Zufall hat dem Glück nachgeholfen, Felix Lösch bekam eine Arbeitsstelle angeboten, allerdings in der Schweiz.
Arbeit in der Schweiz
Noch im Krisenjahr 1929 trat dann Felix Lösch in Arbon – die heute lebendige Ferienstadt liegt am Schweizer Südufer des Bodensees zwischen Rorschach und Romanshorn – seinen neuen Job an. Mostindien nennen die Schweizer diese Gegend am Eingang des Appenzeller Landes, da die Landschaft von vielen alten Apfelstreuwiesen geprägt ist. Der Most (Apfelwein und Apfelsaft) aus dieser Gegend war damals schon und ist heute noch eine Spezialität. Die heutige Fa. Hans Saurer Kugellager AG scheint irgendwie mit Kugelfischer in Schweinfurt verflochten gewesen zu sein.
Die Eltern haben in der Schweiz geheiratet. 1932 wurde der ältere Bruder geboren und 1938 Edgar Lösch. Eigentlich wollten die Löschs niemals mehr zurück, sie haben sich am Bodensee sehr wohl gefühlt. Dann kam der verhängnisvolle Konflikt des Nazireiches mit der Schweizer Regierung dazwischen. Am 24. Juni 1938 teilte die Schweiz mit, dass für alle Reisenden aus Österreich der Visumzwang eingeführt sei. Anfang August wurde der allgemeine Visumzwang für alle Reichsdeutschen verkündet.
‚Heim ins Reich‘
1939 mussten sie dann die Schweiz verlassen, wohl weil sie von den Schweizern kein Visum erhielten. Den Nazis war das recht, die Parole lautete ‚Heim ins Reich‘. Zwischen 1939 und 1940 war die sogenannte Volksdeutsche Mittelstelle für Umsiedlung deutscher Volksgruppen in das Reichsgebiet zuständig. Eine Schweizer Staatsangehörigkeit hatte niemand in der Familie und so mussten sie die Koffer packen. Wohin war zunächst die Frage, aber die mit der Rüstungsindustrie verbandelte Schweinfurter Großindustrie brauchte wieder dringend Leute. So kehrte die Familie Lösch nach Schweinfurt zurück. Edgar Lösch war18 Monate alt. Erst wohnten sie für kurze Zeit in Geldersheim, dann sind sie in die Sonnenstraße nach Schweinfurt umgezogen. Wohnblocks, wie die in der Sonnenstraße, schossen in dieser Zeit in Schweinfurt förmlich aus dem Boden. Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft hatte viel zu tun. Die vielen Arbeiter der Großindustrie brauchten Wohnungen.
Für damalige Verhältnisse waren die Wohnblocks, auch der in der Sonnenstraße, sehr modern und komfortabel ausgestattet. Alle hatten ein eigenes Badezimmer, beheizt wurden sie zwar mit Holz- und Kohle-ofen, aber immerhin.
Beim Kufi im Werkschutz
Vater Felix hatte wieder Arbeit beim Kufi gefunden und ist wenig später beim Werkschutz gelandet. Als die Luftangriffe auf Schweinfurt begannen, war dieser Job alles andere als gemütlich. Der Werkschutz musste während der Angriffe im Werk bleiben und die Familie konnte auch aus diesem Grund, nicht evakuiert werden.
Edgar Lösch hat den ganzen Krieg in Schweinfurt miterlebt, bis zum bitteren Ende. Die Angst, ob der Vater wieder gesund und unverletzt nach Hause kommt, hat alle in der Familie bewegt.
An die heulenden Sirenen und die Rennerei in die Bunker hat Edgar Lösch heute noch eine lebhafte Erinnerung. Ein Probealarm oder eine Feuersirene verursacht bei ihm noch heute richtig Gänsehaut.
Im Laufschritt in den Bunker
Der Weg von der Sonnenstraße in den Bunker in der Gartenstadt war weit. Die Mutter, die beiden Kinder und einen kleinen Notfallkoffer in der Hand, im Laufschritt mitten auf der Straße und über den Köpfen die ersten Flieger. Der Bruder konnte in der Oberlauringer Oberrealschule untergebracht werden, aber Edgar und seine Mutter mussten in Schweinfurt bleiben. 1944 wurde der große Spitalseebunker fertiggestellt, von dort sind die Kinder alle überhaupt nicht mehr nach Haus gegangen, sie haben im Bunker gewohnt. Schusser spielen, also Schnelzen wie die Schweinfurter gesagt haben, war so ziemlich der einzige Zeitvertreib für die Kinder.
Bunker an der Kreuzstraße
Zwei Monate vor Kriegsende (1945) hat die Schäferdynastie die Familien der Werkschutzmannschaften im eigenen Bunker an der Kreuzstraße untergebracht. Dort hat auch die Familie Schäfer selbst Schutz gesucht. Die Versorgungslage war entsprechend besser, die Kinder haben zum ersten Mal mit Süßigkeiten Bekanntschaft gemacht.
Das Kriegsende hat die Familie in diesem Bunker in der Kreuzstraße erlebt. Die Wohnung in der Sonnenstraße war stark mitgenommen, eine Bombe, die vom Dach bis in den Keller durchgeschlagen ist, hat die Küche einfach wegrasiert. Das war schon bei einem der ersten Angriffe auf Schweinfurt 1943.
Die Amis kommen
Als die Amerikaner den Bunker übernahmen, haben sie erst einmal alle Männer abgeführt und in die zentrale Sammelstelle in der Goetheschule verbracht. Vater Felix war dabei und konnte zusehen, wie sich Oberbürgermeister Ludwig Pösl mit einem Fenstersturz selbst das Leben genommen hat. Erst nach ein paar Tagen durften dann auch die restlichen Bunkerbewohner ins Freie. Edgar Lösch erinnert sich noch genau daran, wie er mit seiner Mutter die Georg-Schäfer-Straße hochgelaufen ist. Rechts und links alles in Trümmer, am Haupteingang vom Werk saß eine Gruppe Amerikaner auf dem Mäuerlein, die Gewehre in der Hand. Einer davon hatte ganz schwarze Hautfarbe. Für den kleinen Edgar Lösch die erste Begegnung mit einem Farbigen. Der Soldat hat dem Siebenjährigen gedeutet herzukommen, die Neugierde des kleinen Edgar wurde mit einer Tafel feinster Ami-Schokolade belohnt. Die Sympathie der Kinder haben die Amerikaner mit solchen Gesten natürlich sofort gewonnen.
Ami-Schokolade hatte besondere Überzeugungskraft
Die Nachkriegsgeneration ist mit den Amerikanern aufgewachsen und Edgar Lösch bedauert heute, dass die Amerikaner aus Schweinfurt abziehen, denn sie gehören nach seiner Ansicht zum Schweinfurter Leben. Die Wohnung in der Sonnenstraße hat der Vater, den die Amerikaner keinen Tag behalten hatten, mit Brettern notdürftig zusammen gerichtet. Die Familie Lösch hatte wieder ein Dach über dem Kopf.
Das Zusammenleben mit den Amerikanern hat die Kinder- und Jugendzeit von Edgar Lösch geprägt. Die befreundeten ‚Besatzer‘, mit Quartier am Schelmsrasen, haben die Kids bereitwillig mit ihren Jeeps durch die Stadt chauffiert. Dass die Soldaten von der Army nur Dosenfutter zu essen bekamen hat bei den Kindern Mitleid ausgelöst.
Den Tauschhandel mit frischen Lebensmittel haben die Kinder angekurbelt. Den Kindern haben die Soldaten getraut, bei Essen von Erwachsenen hatten die Amerikaner Angst vor Giftanschlägen.
Frisches Obst und Gemüse
Die Familie Lösch hatte einen großen Garten in Oberndorf. Angebaut hat man damals möglichst alles was essbar war. Frisches Obst und Gemüse im Tausch gegen Schokolade und Zigaretten, der Schwarzhandel blühte. In die Schule ist Edgar Lösch erst 1946 gekommen, da war er schon fast acht Jahre alt. Das ‚süße Leben‘ war vorbei und die Kinder mussten in der Ludwigschule ernsthaft ran, lernen und büffeln, es galt die Jahre nachzuholen. Ein Lehrer, der ihm aus dieser Zeit noch in angenehmer Erinnerung geblieben ist, war Armin Tremer. Tremer war eine bekannte Persönlichkeit, Vorstand vom Liederkranz, hat die ESKAGE mitbegründet und vor allem, er war Vorstand vom FC 05. Fußball war von klein auf die Leidenschaft von Edgar Lösch.
Der Fußball
Schon als Schüler hat er für den Vorstand, seinen Lehrer, Botengänge erledigt. Er hat den FC-Kurier durch die Stadt getragen, hat mitgefiebert, wenn der FC gespielt hat und hat natürlich selbst begeistert immer wieder auf der Straße den Ball getreten. Erst später, 1949, hat Edgar Lösch dann aktiv Fußball gespielt, nicht beim FC, sondern bei der DJK. Fußball, sagt er, ist ein ganz wichtiger Teil seines Lebens, dem Fußball ist Edgar Lösch zeit seines Lebnes treu geblieben. Der Niedergang des FC 05 verursacht auch heute noch große Traurigkeit in seinem Fußballerherz.
Nach dem Wechsel in die damalige Oberrealschule für Knaben in der Schultesstraße, ging die Lernerei erst richtig los. Der Vorläufer des heutigen Humboldtgymasiums war in einem Zustand, der für die Bildung der Knaben nicht unbedingt förderlich war.
Der Bau war alt, schlecht beheizt, der Hausmeister ist dem Versuch die Kohlen gerecht zu verteilen im Winter nur sehr eingeschränkt nach-gekommen. Der Wintermantel im Klassenzimmer war das bevorzugte Kleidungsstück. Das Drama hatte 1955 ein Ende, die Mittlere Reife hat den Schüler Edgar Lösch von diesem Martyrium befreit. An Abitur und Studium war mit den eingeschränkten finanziellen Mitteln der Familie nicht zu denken.
Eigentlich war der berufliche Weg durch den Vater vorgezeichnet, Edgar Lösch sollte Industriekaufmann beim Kufi werden. Das Einstellungsschreiben war schon von Direktor Dörfler unterzeichnet. Edgar Lösch hatte andere Pläne, er hat sich eigenmächtig bei der bayernweiten Prüfung für den öffentlichen Dienst angemeldet und mit einem sehr guten Ergebnis bestanden.
In der Großindustrie hätte er sicher mehr verdient, aber das Rathaus hat ihn mehr gereizt. Als Inspektorenanwärter ist er 1955 im Rathaus angetreten. Sein erster Dienstherr war Oberbürgermeister Dr. Schön. Sein erster Arbeitsplatz war in der Rüfferstraße, das war der Sitz des Hauptamtes. Die Stadtverwaltung war zu dieser Zeit überall in der Stadt verteilt.
Traumjob Bauverwaltungsamt
Vier Jahre dauerte die Ausbildung, weil Edgar Lösch zu Beginn noch keine 18 Jahre alt war. Danach wurde er zum Stadtinspektor ernannt. Er wurde gleich an der ersehnten Stelle im Bauverwaltungsamt eingesetzt, nach einem kurzen Abstecher im Amt für öffentliche Ordnung. Als Amtsleiter für das Bauverwaltungsamt war er damals einfach noch zu jung. Im Alter von 32 hat er sich dann noch einmal für die Stelle des Amtsleiters im Bauverwaltungsamt beworben und wurde damit der jüngste Amtsleiter im Rathaus. Edgar Lösch war am Ziel seiner beruflichen Wünsche.
Wenn er heute durch die Schweinfurter Altstadt läuf,t kann er die Früchte seiner Arbeit sehen und anfassen. Das war ihm immer Motiv genug, mit Leidenschaft nach diesem Amt zu streben. Die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm diese Arbeit boten, wollte er gegen nichts eintauschen.
1960 waren die Trümmer und Überreste des Krieges zum größten Teil weggeräumt, der Wohnungsbau stand im Vordergrund. Ein Wohnblock nach dem anderen wurde eingeweiht, große Richtfeste waren an der Tagesordnung. Die Schweinfurter Betriebe hatten mit ihren Werkswohnungen großen Anteil an dem Bauboom in den Sechzigern. Ein ganzer Stadtteil, das Bergl, ist aus dem Boden gestampft worden.
Dann wurde die Sanierungsstelle gegründet, Herbert Lupprian (über ihn und die Altstadtsanierung haben wir in Heft 7/2011 ausgiebig berichtet) war von Anfang an mit dabei. Edgar Lösch erinnert sich an Jahre, da hatte das Amt fast eintausend Bauanträge zu bearbeiten und das, im Vergleich zu anderen Städten, mit relativ dünner Personaldecke.
Drei große Projekte
zählt er heute zu den Höhepunkten seiner Arbeit. Da war zu allererst das KKG in Grafenrheinfeld. Zusammen mit Paul Eichhorn, dem damaligen Stadtkämmerer, hat sich Edgar Lösch in die komplizierte Materie einarbeiten müssen. Wie die beiden privat zum KKG gestanden haben, hat sie keiner gefragt. Das Atomrecht und die ganzen Dinge drumherum standen jedenfalls nicht auf der Agenda zur Ausbildung im öffentlichen Dienst.
Das Zweite war die Altstadtsanierung und dann noch das Industriegebiet Maintal. Alles das waren Aufgaben, wie sie einem normalen Verwaltungsbeamten eigentlich nie über den Weg laufen.
1998 ist Edgar Lösch als Oberverwaltungsrat, was einem Oberregierungsrat entspricht, mit vielen gesundheitlichen Problemen vorzeitig in den Ruhestand gegangen.
Edgar Lösch und seine Bücher
Schon während seiner Dienstzeit hat Edgar Lösch angefangen Bücher zu schreiben. Insgesamt hat er drei Bücher herausgebracht, die alle sehr lesenswert sind. Das Buch über die Altstadtsanierung ist quasi ein Rechenschaftsbericht, den er zu seinem Ausscheiden im Auftrag der Stadt gemacht hat. Keiner wusste so viel über die ganzen Abläufe dieser Sanierung. Edgar Lösch hat zwei Söhne, der eine ist Pressesprecher beim BDI, der andere hat eine eigene Agentur für Unternehmenskommunikation in München mit einem Partner zusammen.
Sein letzter großer Einsatz als Autor war das Buch zur Geschichte der Schweinfurter Gaststätten.
Text und Fotos Jürgen Kohl








