„Fleisch oder Nichtfleisch, das ist für mich keine Frage”
Im Wörterbuch steht, dass ein Veganer ein Vegetarier sei, der ausdrücklich auf die Nutzung jeder Art tierischer Produkte verzichtet. Der sympathische Typ im Kapuzenpullover, der uns zum Gespräch in der Revista-Küche besucht, ist so einer.
Der Veganismus geht weit über eine bloße Ernährungsform wie bei einem Vegetarier hinaus. Patric verzichtet z.B. auch auf Eier- und Milchprodukte. Auch andere Tierprodukte wie Leder sind für ihn tabu. Patric betrachtet die Verwandtschaft mit allen Tieren als Grundlage menschlichen Wohlwollens ihnen gegenüber. Er setzt sich ein für die Rechte der Tiere, findet einen Zirkus und einen Zoo als Einrichtungen, die nicht den Tieren gerecht werden sondern ausschließlich der ‚Belustigung‘ der Menschen dienen. Er glaubt nicht, dass wenn Tiere möglichst schonend umgebracht werden, sei die Welt schon in Ordnung.
Vor rund 30 Jahren wurde er in Schweinfurt geboren. Mittlerweile lebt er mit seiner Lebensgefährtin in Sennfeld. Sie lebt übrigens nicht vegan, sie isst Fleisch und Wurst, wenngleich auch in Maßen. 15 Jahre seines Lebens hat er in Madenhausen verbracht. Das Leben auf dem Dorf hat er nicht als unangenehm empfunden. Die Bratwurst, das Schnitzel und der Schweinsbraten waren auch seine Leidenschaft.
Nach dem ‚Knabenknast‘ wie er seine Realschule liebevoll nennt, hat er eine Ausbildung zum Elektroniker in Geldersheim gemacht. Gereitzt hat ihn dann doch die Fortbildung zum Elektrotechniker. Gelandet ist er schließlich bei der High-Tech-Schmiede GPS Auge. Vier Jahre hat er als Entwicklungsleiter für Elektronik dort gewerkelt, um dann zu Bosch Rexrodt in das Produktmanagement zu wechseln.
Wenn man ihn mit der Frage konfrontiert, ob er ein Hardcore-Veganer sei, winkt er ab. Das Problem, für brauchbare Business-Klamotten passende Accessoires zu finden, hat er noch nicht befriedigend gelöst. Schuhe und Hosengürtel ohne Leder zu finden ist schon ein Problem. Speziell bei der Kleidung muss er noch viele Kompromisse machen.
Auf die Frage, was eine vegane Lebensform mit Genuss zu tun hat, hat er tiefgehende Antworten. „Viele sagen: Veganer, da kannst du ja gar nichts mehr essen. Was isst du überhaupt? Nur Obst und Gemüse? Das ist wirklich viel zu kurz gegriffen. Gerade viele asiatische und indische Sachen sind vegan und die sind ausgesprochen lecker.”
Patric Brand: Für mich gab es früher Schnitzel mit Pommes und die ganzen Geschichten, Schießhaus einfach. Da komme ich her und das habe ich auch gerne gemacht. Wenn zu mir jemand gesagt hat: Wir gehen heute mal indisch essen, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen – so was esse ich nicht. Mittlerweile gehe gerne dahin, ich liebe das. Ich habe das richtig für mich entdeckt. Früher bin ich schon sehr viel Essen gegangen und mache es heute noch genauso. Ich habe immer gedacht, als Veganer ins Restaurant gehen, ist ganz kritisch und du findest nichts. Es wandelt sich einfach, du genießt eigentlich andere Sachen viel mehr, an die du nie gedacht hättest. Das ist total interessant, das hätte ich nie geglaubt.
Es gibt ja viele Vorbehalte, z.B. bei der Ernährung von Kindern. Du willst Kinder. Wenn du Kinder hast, wirst du versuchen deine Lebensform zu übertragen, die Kinder vegan aufziehen oder ist das ein Thema, das dich noch nicht berührt?
Patric Brand: Diese Diskussion hatte ich vor etwa einem Monat mit meiner Freundin. Meine Freundin ist richtig normaler Fleischesser; sie ist Ungarin und die hauen sich hauptsächlich Fleisch auf den Teller und aufs Brot. Für mich stand fest, unser Kind wird vegan. Es gibt genug Bücher und Berichte von Leuten, die ihre Kinder vegan oder vegetarisch aufziehen. Ich kenne selbst jemanden aus Schweinfurt, der noch nie Fleisch gegessen hat, weil er aus einer vegetarischen Familie kommt. Also funktioniert es.
Für mich war klar – das machen wir so. Meine Freundin hat mir gleich einen Riegel vorgeschoben, aber wir haben uns einigen können. Falls wir ein Kind bekommen, wird es erst mal vegetarisch aufgezogen, weil meine sie das eigentlich auch ganz gut findet. Das Kind soll dann später selbst entscheiden.
Es gibt immer wieder den Vorwurf, gerade bei Kindern, dass der Wegfall von Milch negativen Einfluss auf die Entwicklung hätte. Was sagt der Veganer dazu?
Patric Brand: Milch ist ein total kritisches Thema. Die allgemeine Meinung ist: ‚Trink Milch und du wirst groß und stark und die Knochen werden gesund.‘ Seitdem ich vegan bin, habe ich viele Bücher und Broschüren darüber gelesen. Da wird es genau andersrum beschrieben, nämlich, dass es sehr viele Probleme mit Milch gibt. Milch fördert das Auswaschen von Calcium aus den Knochen und das ist genau der Effekt, von dem man will, dass der nicht eintritt. Da scheiden sich die Geister. Die konventionelle Wissenschaft sagt: Milch ist und gut und super. 90 Prozent der Menschen glauben das, ich war genauso, aber es gibt einige, die glauben es nicht. Ich bin laktoseintolerant. Eigentlich wollte eigentlich ich kein Veganer werden, sondern nur Vegetarier. Hatte dann schon nach 1 – 2 Monaten Probleme mit Laktoseintoleranz und erst dadurch bin ich letztendlich zum Veganer geworden. Ich habe viele Bücher gelesen wie das von Jonathan Safran Foer ‚Tiere Essen‘ oder Studien zum Milchkonsum. Gerade in asiatischen Ländern, dort ist der größte Teil der Menschen laktoseintolerant und verträgt keine Milch, trotzdem wird aus diesen Leuten was. Ich mache meine eigenen Erfahrung und versuche das Richtige für mich zu finden. Gesundheitliche Probleme habe ich bis jetzt keine. Mein Blutbild ist erst vor vier Wochen genommen worden und ich habe keinerlei bedenklichen Werte, es schaut aus wie von fleischessenden Normalbürgern.
Gab es ein Schlüsselerlebnis für dich, mit der Intention: morgen Fleisch weg?
Patric Brand: Der Ausschlaggebende war ein Arbeitskollege. Der hat, angetrieben durch eine Allergie und aus Tierliebe heraus, mir Flyer hingelegt. Er hat gesagt er wird Veganer. Er hat mich damit aufgezogen, weil ich früher Katzen hatte und meine Eltern Pferde. „Die streichelst du, mit denen ist alles gut und die anderen isst du. Wo ist für dich der Unterschied?“ Je mehr ich darüber nachdachte, ich konnte ihm keine Antwort darauf geben, warum ich so gern Rinderfilet esse und warum für mich die Kuh anders ist als ein Pferd. Warum kann man Kühe essen und Pferde nicht? Es gibt wohl auch Pferdesalami, aber in Deutschland wird man komisch angeschaut mit Pferdesalami. Ich musste ihm Recht geben. Dann bekam ich ein Buch in die Hand ‚Gesund essen oder lecker essen‘. Die Autorin beschreibt in ihrem Buch, wie sie einen Monat lang als Vegetarier, einen Monat Veganer und einen Monat Frutarier lebte.
Ist das die Steigerung von Veganer?
Patric Brand: Genau, sie hat das durchgezogen und ist am Ende zu dem Schluss gekommen, dass sie in Zukunft vegetarisch leben wird. Ich habe nach der Lektüre für mich auch ein Resümee gezogen. Ich werde versuchen komplett auf Tierprodukte zu verzichten und vegan leben.
Wie kommt deine Lebensform im allgemeinen Leben an, z.B. bei Geschäftskontakten? Wirst du da ernst genommen oder wirst du durch den Kakao gezogen?
Patric Brand: Es kommt darauf an. Privat bin ich eher der Pulli-/ T-shirt-Typ, oft auch mit Käppi. Im Stattbahnhof oder beim Skaten, wenn du da sagst, du bist Veganer, finden die Leute das gut.
Im Geschäftsleben habe ich mich bis jetzt noch nicht geoutet. Wenn mich einer direkt darauf angesprochen hat, hat er eine ehrliche Antwort bekommen. Wenn du sagst, dass du Vegetarier bist, hat niemand ein Problem damit, das hat sich etabliert. Aber wenn du sagst, dass du Veganer bist, dann wirsts du schon als schräger Vogel betrachtet.
Ich muss sagen, im Geschäftsleben reagieren manche komisch, fragen sehr seltsam und wenn man dann zu erklären versucht, merkt man, dass sie überhaupt nichts verstehen. Egal wie man argumentiert, sie verstehen es nicht. Das finde ich immer etwas schade.
Ist es die mangelnde Toleranz, die du beklagst? Du selbst hast doch kein Problem mit Fleichessern lustige Gespräche zu führen, ohne dass du sie aufziehst?
Patric Brand: Genau, das sage ich auch immer. Gerade wenn wir bei meinen ‚Schwiegerleut‘ sind. Die verstehen es überhaupt nicht, nennen mich ‚Grasfresser‘. Ich akzeptiere alle, egal was sie essen. Ich will niemanden missionieren, sage zu niemand: Iiih, Fleisch essen, das ist voll eklig.
Du hast also nicht den missionarischen Auftrag, die Menschheit umzudrehen?
Patric Brand: Nein, überhaupt nicht, das geht ohnehin meistens schief. Ich möchte nur, dass die Leute meine Lebensform akzeptieren. Ich meine, wenn es in der Kantine von fünf Essen vier mit Fleisch gibt und eines vegetarisch, dann ist das schon mal ein Schritt, dass wenigstens der Vegetarier etwas zu essen bekommt. Für mich müssen die nicht extra vegan kochen. Da gehe ich ohnehin nicht essen.
Abends zu Hause kochen wir zusammen, die Reste nehme ich mir für den nächsten Tag als ‚Brotzeit‘ mit.
Vegan leben ist ja auch ein organisatorisches und logistisches Problem z.B. mit dem Einkaufen?
Patric Brand: Überhaupt nicht. Ich war selbst verwundert. Ich war ja schon immer ein Bioladen-Gänger.
Wo gibt es in SW einen guten Bioladen?
Patric Brand: Also, ich gehe immer mal zu Tegut am Hainig oder in der Stadt zu ‚vita bella‘ in die Siebenbrückleinsgasse, der ist mir am liebsten. In den Bioläden oder Abteilungen finde ich immer etwas und mittlerweile habe ich gehört, dass es auch bei Aldi vegane Fleischersatzprodukte gibt, also dieses typische Sojafleischzeug.
Ist es nicht Schwachsinn, wenn man auf Fleisch verzichtet und dann etwas isst, das nach Fleisch schmecken soll?
Patric Brand: Am Anfang habe ich auch gedacht, ich steige auf diese veganen Würstchen und Fleischprodukte um. Früher war für mich die Bratwurst auf einem Fest das Höchste, ich hatte immer ein ‚Gezwicktes‘ in der Hand. Aber der Geschmack von diesen Ersatzdingern auf denen ‚Bratwurst‘ draufsteht war irgendwie eklig. Ich verstehe die Leute nicht, die das essen. Aber manche finden das ja total gut. Die essen Sojaschnitzel, Sojasteaks und Würstchen und sind davon voll begeistert.
Was schmeißt du heute bei einem Grillfest aufs Feuer?
Patric Brand: Mittlerweile liebe ich gefüllte Champignons, gefüllte Zucchini, Auberginen und solche Sachen.
Womit gefüllt?
Patric Brand: Die Auberginen werden meist mit Soja-Granulat gefüllt, damit hat das ein wenig Biss, so ähnlich wie beim Hackfleisch, ansonsten Karotten, alles mit Öl drüber und mit verschiedenen Gewürzen.
Hat sich dein Geschmacksempfinden verändert?
Patric Brand: Komplett, früher war ich ein ‚Schnibberle‘ was Geschmack anging und habe alles an Paprika, Zucchini, Auberginen, Kürbis, Zwiebeln beim Essen auf die Seite gelegt. Am Anfang habe ich mich lange von Pommes oder Nudeln mit Tomatensoße ernährt. Heute kann ich es genießen, nur mal eine Zucchini zu essen. Viele andere Gemüse z.B. Sternkürbis, da habe nicht gedacht, dass man das überhaupt essen kann, hab das immer für Deko gehalten. Rosenkohl, Rotkohl, Wirsing, alles das koche ich mittlerweile selbst und es schmeckt richtig gut.
Im Prinzip müsste deine Haushaltskasse überlaufen. Fleisch ist ja beim Einkauf ein großer Posten. Lebt es sich als Veganer billiger oder erscheint es nur so?
Patric Brand: Im ersten Moment ist es wirklich billiger, denn man kauft die Grundzutaten und macht daraus selbst was. Fertigprodukte braucht man dazu nicht. Da sind dann ohnehin Eier drinnen oder Trockenei, Honig oder Palmfett. Wir achten auch auf Anbaubedingungen und Umweltbelastung z.B. beim Öl oder beim Fett. Es gibt viele, die ihre Marmeladen selber machen. Das alles ist natürlich billiger als gekauft. Andererseits gibt man natürlich mehr Geld für bestimmte Sachen aus wie z.B. Veganer – Honig oder Agavendicksaft, Ahornsirup und natürlich Schokolade, Schokolade esse ich gerne.
Vegane Schokolade?
Patric Brand: Ja, die gibts tatsächlich. Sie hat einen relativ hohen Kakaoanteil, der Geschmack geht in Richtung Zartbitter. Milchzuckersachen wie Milcheiweiß, Vollmilchpulver usw. bleiben draußen. Die Schokolade schmeckt richtig gut. Beim Eis genauso, ich habe Eis aus Lupinen, diese Blumen, das kostet rund das Doppelte einer normalen Packung. Wenn man auf Süßkram verzichten kann, kommt man auf jeden Fall günstiger, aber wie bei mir, mit Schokolade, Eis und Nutella, kostet das dann mehr Geld und man ist wieder auf dem selben Level wie vorher.
Hat sich deine politische Einstellung gewandelt oder hast du vorher schon in Richtung ‚Grün‘ gedacht und gehandelt?
Patric Brand: Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich früher nicht für Politik interessiert. Das mag vielleicht auch mit dem Alter kommen. Aber mittlerweile denke ich, dadurch, dass ich vegan lebe mache ich mir auch Gedanken, was in der Welt geschieht. Bei den Themen: Massentierhaltung, Schlachtmethoden und ähnliche Sachen wie Tierschutz, da überlege ich mir, welche Partei unterstützt so was, welche Partei ist dagegen. Viele Veganer sind in Tierschutzorganisationen und Umweltorganisationen wie Greenpeace aktiv. Das hat meine politische Orientierung extrem verändert. Bei Demos, wie z.B. gegen Zirkus in Würzburg, wäre ich gerne dabei gewesen.
Jürgen Kohl – jkohl@revista.de








