Würzburg: Ist es wirklich noch zeitgemäß, fast 2500 Jahre alte Stücke heute auf die Bühne zu bringen? Die klare Antwort lautet: Ja! Davon konnten sich alle Griechischschüler des Celtis-Gymnasiums selbst überzeugen. Gemeinsam mit ihren Lehrern Elmar Arnold und Andreas Engel sowie OStD Rainer Herzing machten sie sich auf den Weg nach Würzburg, um sich im Mainfrankentheater Aristophanes` Komödie Die Vögel anzusehen.
In dem 414 v. Chr. in Athen uraufgeführten Stück rechnet Aristophanes ohne jede Rücksicht und in einer bissigen Satire mit den gesellschaftspolitischen Verhältnissen seiner eigenen Heimatstadt ab. Dem damaligen wie dem heutigen Zuschauer bleibt dabei das Lachen auch schon einmal im Halse stecken. Kurz der Inhalt: Zwei Athener Bürger namens Peisetairos und Euelpides möchten auswandern; sie haben genug von der attischen Demokratie, in der Demagogen die leicht lenkbare – weil dumme – Volksmasse verführen, Denunziation und ungerechte Gerichtsverfahren an der Tagesordnung sind und immer mehr Fremde – also Nichtathener – mitbestimmen dürfen. Sie möchten im Reich der Vögel eine schlaraffenlandartige Zuflucht finden. Doch das erweist sich als gar nicht so einfach: Die Vögel zeigen sich unter ihrem König Wiedehopf sehr skeptisch und halten die Menschen für Vogelfänger, die ihnen die Freiheit oder gar das Leben nehmen wollen. Aber schließlich gelingt es Peisetairos, das Vogelvolk mit geschickter, aber inhaltsleerer Rhetorik davon zu überzeugen, dass er es zusammen mit seinem Freund Euelpides in eine glänzende Zukunft führen wird. Die Namen der beiden Protagonisten sind übrigens sprechende Namen: Peisetairos bedeutet soviel wie Überredungskünstler, Euelpides könnte man hingegen mit gutgläubiger Dummkopf übersetzen. Da die Vögel fliegen können und in der Mitte zwischen den Göttern im Himmel und den Menschen auf Erden leben, hätten sie – so Peisetairos – die Möglichkeit, die Verbindung zwischen beiden Welten zu blockieren, Zoll zu verlangen und beide Seiten unter Druck zu setzen. Der Wiedehopf und seine Untertanen sind Feuer und Flamme: Sogleich wird eine befestigte Stadt gebaut – Wolkenkuckucksheim. Kein göttliches Wesen gelangt mehr auf die Erde, kein menschliches Gebet oder Opfer mehr zu den Göttern. Beide Seiten sind verzweifelt: Den Menschen fehlt die göttliche Hilfe, den Göttern der sie nährende Opferduft. Zu Verhandlungen bereit, schicken die Götter schließlich Poseidon, Herakles und den Barbaren Triballos zu den Vögeln, die längst vom demagogischen Peisetairos regiert werden. Er hat nicht nur die Vögel in der Hand, sondern erpresst die ganze Welt – die olympischen Götter inklusive. Daher kann die Göttergesandtschaft nichts ausrichten und muss sich beugen. Dabei vermag der intellektuell eher unterbelichtete Kraftprotz Herakles dem Peisetairos auch gar nichts entgegenzusetzen; er denkt ausschließlich ans Essen, das ihm vom neuen Vogelführer in Aussicht gestellt wird. Mit einem Wort: Die Vögel sind die neuen Götter. Doch stimmt das wirklich? Als man den Sieg und die Weltherrschaft der Vögel feiern möchte, verschlägt es dem Federvieh plötzlich die Sprache. Ihr Heilsbringer Peisetairos, der ihnen eine bessere Zukunft versprach, tischt als Festschmaus ein unglaubliches Gericht auf: gebratene Vögel.
Man ist versucht, Bertolt Brecht zu zitieren: Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Schlächter selber. Aristophanes` Komödie ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Lehrstück über die Verdummung und Verführung der Massen zu ihrem eigenen Nachteil. Demokratie verantwortungsbewusst zu leben und zu erhalten – darum ging es nicht nur damals in Athen, sondern darum geht es auch heute noch. Dass ein jeder an Demokratie und Frieden engagiert mitwirken kann und soll, machte den Griechischschülern in der Pause des Stücks Professor Dr. Ulrich Sinn deutlich. Er hat Die Vögel für die Würzburger Inszenierung neu übersetzt und stellte sich den Fragen der Schüler. Abgerundet wurde die Theaterfahrt durch einen Besuch im Martin-von-Wagner-Museum, das nach Berlin und München die drittgrößte Sammlung antiker Vasen in Deutschland beherbergt. Am Nachmittag führte Luisa Balandat, eine ehemalige Celtisschülerin und jetzt Archäologiestudentin, dort durch die Sonderausstellung zur antiken Komödie. Mit Spannung bleibt abzuwarten, welches antike Stück das Mainfrankentheater als nächstes ins Programm nehmen wird.
Text: Andreas Engel
Bild: Die Griechischschüler des Celtis-Gymnasiums mit Ihren Lehrern OStR Arnold und StR Engel in Würzburg








