Würzburg/Mainfranken – Wie das neue IHK-Arbeitsmarktradar zeigt, ist der Arbeitskräftemangel auch in wirtschaftlich schwachen Zeiten eines der drängendsten Strukturprobleme der Region. Allein in diesem Jahr fehlen in Mainfranken rund 17.000 Arbeitskräfte. Bis 2029 dürfte sich diese Lücke auf 26.000 ausweiten, was einem Plus von 53 Prozent entspricht.
Die Arbeitskräftelücke ergibt sich aus der Zahl der offenen Stellen minus der Zahl der passend qualifizierten Arbeitslosen. Bereits heute gibt es für rund die Hälfte aller offenen Stellen in Bayern keine geeigneten Bewerber. Der tatsächlich wahrgenommene Mangel dürfte noch höher liegen, da selbst bei passender Qualifikation häufig weitere Vermittlungshürden bestehen. Obwohl die Studie anhaltend hohe Zuwanderung sowie eine steigende Erwerbsbeteiligung der einheimischen Bevölkerung voraussetzt, wird der Personalmangel durch die massenhaften Renteneintritte bis 2029 deutlich verschärft.
„Trotz der aktuell schwächelnden Wirtschaft und des Personalabbaus in einigen Branchen bleibt der Arbeitskräftemangel für die Gesamtwirtschaft ein Dauerthema“, erklärt IHK-Bereichsleiter Dr. Christian Seynstahl. Für Betriebe in besonders betroffenen Branchen könne er zur Existenzfrage werden oder zumindest zu gravierenden Einschränkungen im Serviceangebot führen. Beispiele hierfür sind mehr Schließtage in der Gastronomie, längere Wartezeiten bei Handwerkern, Werkstätten, Ärzten und in Krankenhäusern sowie wachsende Betreuungslücken für Kinder und Senioren. „Mainfranken verliert bereits heute durch die Arbeitskräftelücke knapp 1,9 Milliarden Euro an Wertschöpfung. Würden den Unternehmen ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, könnte die Wertschöpfung in Mainfranken um vier Prozent höher liegen“, so Seynstahl.
Zuwanderung trägt Beschäftigungsaufbau
„Die Unternehmen brauchen dringend bessere Rahmenbedingungen zur Förderung von Beschäftigung. Dazu müssen alle vorhandenen Potenziale ausgeschöpft werden, darunter mehr Anreize zur Arbeitsaufnahme und Qualifizierung für Erwerbslose sowie eine höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen, etwa durch lohnsteuerliche Anreize für das Arbeiten jenseits des gesetzlichen Renteneintrittsalters“, fordert der IHK-Experte. Dabei spiele Zuwanderung eine immer größere Rolle: Der Beschäftigungsaufbau in Mainfranken und Bayern werde bereits seit 2023 ausschließlich von ausländischen Staatsangehörigen getragen. Laut IHK-Arbeitsmarktradar wird der Anteil ausländischer Beschäftigter im Freistaat bis 2029 auf knapp 22,5 Prozent steigen. 2018 lag diese Quote noch bei 14,7 Prozent. Gleichwohl gelte es, die Bindung der Fachkräfte an die Region Mainfranken zu stärken.
Fachkräfte mit Berufsausbildung am häufigsten gesucht
Die größte Lücke klafft auf dem Qualifikationsniveau „Fachkraft“, also bei Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung. Bis 2029 dürften hier rund 15.100 Stellen unbesetzt bleiben. Auf dem Niveau „Spezialist“ (Meister, Fachwirte, Bachelor-Absolventen) werden voraussichtlich rund 4.500 Arbeitskräfte fehlen und auf dem Niveau „Experte“ (Master, Staatsexamen) etwa 3.800. Aktuell besteht die größte Lücke bei den Fachkräften im Verkauf, dicht gefolgt von den Helfern in der Landwirtschaft, den Spezialisten in der Kinderbetreuung, den Büro- und Sekretariatsmitarbeitern sowie den Fachkräften in der Kraftfahrzeugtechnik. Das stärkste Beschäftigungswachstum bis 2029 erwartet die Studie im Gesundheitswesen (+2.900), in Erziehung und Unterricht (+2.500) sowie in der Informationstechnologie (+1.800). Den stärksten Rückgang prognostiziert sie für den Maschinenbau (-2.600).
Mainfranken verliert langfristig Beschäftigung
Selbst wenn die positiven Trends bei Frauen, älteren Menschen und Zuwanderern anhalten, könnte die Zahl der Beschäftigten in Mainfranken bis 2039 um rund 5.400 sinken. Dies entspräche einem Minus von etwas mehr als einem Prozent gegenüber 2024. Laut Studie droht ohne die weitere Hebung dieser Potenziale rein demografisch bedingt ein deutlich stärkerer Rückgang um rund 13 Prozent beziehungsweise 47.800 Personen. „Dies würde eine spürbare Schwächung der heimischen Wirtschaft bedeuten“, befürchtet Seynstahl.
Der Arbeitsmarktradar weist für den Freistaat Bayern aktuell einen Fehlbestand von 140.000 Arbeitskräften aus – 40.000 weniger als noch vor einem Jahr prognostiziert. Bis 2029 könnte die Zahl angesichts der demografischen Entwicklung jedoch wieder auf über 220.000 steigen (+57 Prozent). Der damit verbundene Wertschöpfungsverlust würde sich dann auf 25 Milliarden Euro jährlich belaufen.
Symbolbild: Image by Pixabay








