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Armut bekämpfen heißt Demokratie stärken – Fachtag

vom 13.10.2026 - 09:10 Uhr

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Schweinfurt – Armut ist in Schweinfurt eine Realität, die viele Menschen betrifft und sich bereits im frühen Kindesalter auf die weiteren Lebensperspektiven auswirken kann. Beim Fachtag „Armutssensibles Handeln“ kamen deshalb am 06. Oktober Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen in der voll besetzten Diele des Rathauses zusammen, um sich mit den Ursachen und Folgen von Armut auseinanderzusetzen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Schweinfurt zu entwickeln.

Zu Beginn gab Sozialreferent Jürgen Montag einen Überblick über die Situation in Schweinfurt. Dabei wurde deutlich: Schweinfurt gehört bei wichtigen Armutsindikatoren zu den bayerischen Schlusslichtern – insbesondere bei Kinderarmut, der SGB-II-Quote und Altersarmut. Die Zahlen machten zugleich deutlich, dass Armut nicht auf einzelne Lebensphasen begrenzt ist, sondern Menschen entlang ihrer gesamten Biografie betreffen kann.

„Armut ist kein individuelles Versagen“

Einen umfassenden Blick auf das Thema richtete anschließend Dr. Irina Volf, Direktorin des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS) und Bereichsleitung Armut. Sie vermittelte aktuelle statistische Erkenntnisse, bezog die Teilnehmenden über Mentimeter-Abfragen unmittelbar ein und räumte dabei auch mit dem einen oder anderen verbreiteten Vorurteil über Armut auf.

Eine zentrale Botschaft ihres Vortrags: Armut ist kein individuelles Phänomen und kein Ausdruck persönlichen Versagens, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Bundesweit sind nach den im Vortrag dargestellten Daten rund 13 Millionen Menschen von Armut betroffen.

Besonders entscheidend sei der Blick auf die frühe Kindheit. Armut beginne häufig bereits früh im Leben, in dieser Phase werden wichtige Weichen für die weitere Entwicklung gestellt. Wer Armut nachhaltig bekämpfen wolle, müsse deshalb frühzeitig ansetzen und die Lebensbedingungen von Kindern und Familien in den Blick nehmen.

Darüber hinaus stellte Dr. Volf einen Zusammenhang zwischen sozialen Problemlagen und politischer Zufriedenheit heraus: Dort, wo Menschen Armut und Perspektivlosigkeit besonders stark erleben, ist auch die Zufriedenheit mit der Politik geringer.

Damit erhielt der Fachtag eine über die klassische Sozialpolitik hinausgehende Dimension: „Armutsbekämpfung sei eben auch Demokratieförderung.“

Stuttgart: Sozialpolitik vor Ort gestalten

Wie eine Kommune langfristig Strukturen aufbauen kann, die Menschen unmittelbar in ihrem Lebensumfeld erreichen, zeigte anschließend Dr. Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Integration der Landeshauptstadt Stuttgart.

Sie berichtete anschaulich über die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte in Stuttgart. Im Mittelpunkt stehe dabei ein Ansatz, der die Menschen vor Ort einbeziehe, sozialräumliche Unterschiede berücksichtige und Angebote möglichst nah an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner entwickle.

Dazu gehören insbesondere sozialräumliche Arbeit, Beteiligung der Menschen vor Ort und der Aufbau von Stadtteilzentren. Nicht jede Lösung müsse für die gesamte Stadt gleich aussehen. Entscheidend sei vielmehr, die jeweiligen Bedingungen und Ressourcen eines Quartiers zu kennen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort passende Lösungen zu entwickeln.

Vom Wissen zum konkreten Handeln

Im Anschluss an die Impulse aus Wissenschaft und kommunaler Praxis wurde in verschiedenen Workshops intensiv gearbeitet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten zahlreiche Handlungsoptionen, Ideen und konkrete Bedarfe und entwickelten daraus mögliche Lösungsansätze für die Praxis.

Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie unterschiedliche Akteure in Schweinfurt dazu beitragen können, Armut früher zu erkennen, Zugänge zu Hilfen zu erleichtern, Teilhabe zu ermöglichen und soziale Benachteiligung nicht weiter zu verfestigen.

Dabei wurde deutlich: Armutssensibles Handeln beginnt nicht erst bei einer konkreten Hilfeleistung. Es geht ebenso um Haltung, Sprache, Zugänge und die Frage, ob bestehende Angebote die Menschen tatsächlich erreichen.

„Armutssensibilität ist eine Haltungsfrage“

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurden die unterschiedlichen Perspektiven noch einmal zusammengeführt.

Dr. Irina Volf brachte die zentrale Botschaft auf den Punkt: Armutssensibles Handeln ist eine Haltungsfrage. Es gehe darum, Menschen nicht auf ihre finanzielle Situation zu reduzieren, sondern die strukturellen Bedingungen in den Blick zu nehmen und die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen.

Oberbürgermeister Ralf Hofmann machte zugleich deutlich, dass Schweinfurt vor großen Herausforderungen steht. Die Stadt habe angesichts der schwierigen Haushaltslage nur begrenzte finanzielle Spielräume und müsse dennoch Antworten auf die sozialen Herausforderungen finden. Umso wichtiger sei es, die vorhandenen Stärken der Stadt zu nutzen.

„Wir stehen vor großen finanziellen Herausforderungen und müssen mit begrenzten Mitteln sehr genau hinschauen, wo wir ansetzen können. Dabei können wir uns auf eine große Stärke Schweinfurts verlassen: den Zusammenhalt und das Engagement unserer Stadtgesellschaft. Armutsbekämpfung ist keine Aufgabe, die allein die Stadtverwaltung lösen kann. Jeder in Schweinfurt ist gefordert“, so Oberbürgermeister Ralf Hofmann.

Damit schloss der Fachtag mit einem klaren Appell: Armutssensibilität ist eine gemeinsame Aufgabe. Politik, Verwaltung, soziale Träger, Bildungseinrichtungen, Vereine, Wirtschaft und Zivilgesellschaft können jeweils einen Beitrag leisten.

Denn letztlich gehe es nicht nur darum, Armut zu erkennen und ihre Ausmaße zu beschreiben. Es gehe darum, Lebenschancen zu verbessern, Teilhabe zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass soziale Herkunft möglichst wenig über die Zukunft eines Menschen entscheidet.

Der Fachtag „Armutssensibles Handeln“ wurde durch das Programm „Demokratie Leben“ gefördert und in Kooperation von Interkult e.V. und dem Sozialreferat der Stadt Schweinfurt ausgerichtet.

Fotos: Thorsten Schubert, Stadt Schweinfurt

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