Der „Würzburger Flaggenstreit“ – Ein Kommentar

17. Mai 2011

Da hat die Stadt Würzburg wohl einen ordentlichen Bock geschossen. Wenn sie es denn überhaupt war. Wer nämlich letztlich für das hissen der 50 türkischen Flaggen in der Würzburger Innenstadt verantwortlich zeichnet, ist zumindest mir noch immer nicht ganz klar. Die Initiative ging vom Ausländerbeirat der Stadt Würzburg in Zusammenarbeit mit der DITIB, der mutmaßlich größten türkisch-islamischen Organisation in Deutschland aus. Für die öffentliche Beflaggung zuständig ist nun aber die Stadt selbst, genauer das Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung. Die Main-Post schrieb unlängst, dass die Erlaubnis für diese außergewöhnliche Beflaggung und vor allem auch die Idee gleich fünfzig Banner zu hissen (geplant war von Seiten des Ausländerbeirats lediglich eine Flagge), direkt vom Amtsleiter ausging. Denkbar ist allerdings auch, dass der zuständige Referent Wolfgang Kleiner direkt mit der Aktion zu tun hatte.

Nun wurde also schnell gegengesteuert und – offensichtlich auf Weisung des OB Rosenthal – der Großteil der Flaggen wieder entfernt. Der Druck der Kritiker ist wohl zu groß geworden. Wobei ja der größte Widerstand nicht aus der Würzburger Bevölkerung, sondern aus der „rechtsextremen Szene“ im Internet kam, wie man so hört.

Diese ganze Geschichte taugt dazu den Ruf der Stadt Würzburg empfindlich zu beschädigen. Das sollte uns Würzburgern klar sein. Aber ich finde die Versuche, gerade von OB Rosenthal, die Schuld für das Abhängen der Banner auf die bösen Rechten aus der Online-Welt abzuwälzen gelinde gesagt unfair. Nicht, weil ich mir unbekannte, etwaige Rechtsextremisten aus ganz Deutschland in Schutz nehmen möchte. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass sich die Würzburger Bevölkerung selber so sehr an dieser Aktion gestört hat, dass sie dieser nicht zugestimmt hätte. Insofern entsprach die Abnahme der Flaggen nur dem Willen der Bevölkerung.

Hinzu kamen immer wieder Verweise auf die Katholiken, die am gestrigen Sonntag die Seligsprechung Georg Häfners gefeiert haben und daher keine türkischen Flaggen vor den betreffenden Gotteshäusern wollten. Für mich selber, der ich als Katholik an der Feier teilgenommen habe, kann ich sagen, dass das zwar stimmt, es aber auch einfach eine Frage des Respekts ist, vor dem Dom keine Schar von Flaggen eines Staates zu hissen, im welchem Christen noch immer unter öffentlich geduldeten Repressalien leiden. Abgesehen von der Bedeutung als Nationalflagge wäre aber auch beispielsweise das Hissen verschiedener Werbebanner ähnlich ungehörig gewesen.

Wenn wir jetzt mal dieses zufällige Zusammentreffen der Termine der Seligsprechung und des Jahrestags der Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter beiseite lassen, gibt es aber immer noch genug Faktoren, die mich persönlich stören.

Zunächst mal kann eine solche Aktion doch nicht durchgeführt werden, ohne sie vorab öffentlich ausreichend zu kommunizieren. Es kann doch niemanden ernsthaft verwundern wenn empörte Stimmen laut werden, nachdem über die Nacht die halbe Innenstadt mit roten Bannern zugehängt worden ist. Und das wieder unabhängig von der Nationalität. Auch wenn dort fünfzigmal Schwarz-Rot-Gold aufgehängt worden wäre, hätte es doch eine allgemeine Verwunderung und so, wie ich die Leute kenne, einiges an Empörung gegeben. Ergo hat da die städtische Verwaltung einfach versagt.

Dann geht es weiter mit der Art der Würdigung des Ereignisses. Darf man den bisherigen Medienberichten (u.a. ja auch in der „Hürriyet“) Glauben schenken, so sollten ursprünglich je eine deutsche und eine türkische Flagge vor dem Würzburger Rathaus gehisst werden. Ein großartiges Symbol, wie ich finde! Und was macht die Verwaltung? Bietet gleich fünfzig türkische Flaggen an, aber nur acht deutsche, da nicht mehr vorhanden sind. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Zumal die Frage bleibt, woher die fünfzig türkischen Flaggen kamen. Ich kann nur hoffen, dass diese nicht extra für die Aktion von der Stadt angeschafft wurden.

Ein nächster Punkt: Der Anteil der türkischen Bevölkerung in der Stadt Würzburg ist vergleichsweise Niedrig. Er liegt mit gut 1.300 Bürgern türkischer Nationalität bei ziemlich genau einem Prozent. Zudem sollte ja vorrangig der türkischen Gastarbeiter gedacht werden.

Nun ist es aber so, dass erstens ein großer Teil der frühen Gastarbeiter gar keine Türken waren und zweitens die meisten hier lebenden Türken keine Gastarbeiter waren. Ich muss also hoffentlich nicht verstehen, weshalb ausgerechnet die türkische Nation hier so herausgehoben wird, während die vielen wertvollen Mitbürger ost-, mittel- und südeuropäischer Herkunft unerwähnt bleiben. Natürlich geht es hier um einen wirtschaftlichen Beitrag zu unserer Gesellschaft, aber was ist beispielsweise auch mit den weit über 1.000 jüdischen „Kontingentflüchtlingen“ aus Mittel- und Osteuropa in der Stadt?

Darüber hinaus finde ich es gerade im Zusammenhang mit der türkischen Nation sehr schwierig derart umfangreich ihre nationalen Symbole zu präsentieren. Wir haben in Deutschland aufgrund unserer Geschichte ein sehr differenziertes und distanziertes Verhältnis zu Nationalismus, ja auch zu Nationalstolz. Dem steht der türkische Kemalismus eigentlich diametral gegenüber. Ich persönlich bin auch überzeugt davon, dass die Türkei noch weit davon entfernt ist ein demokratischer Staat zu sein. Wenn ich also überlege, wie distanziert die deutsche Gesellschaft schon ihrer eigenen Nation gegenübersteht und wie stolz wir zugleich auf unseren extrem hohen Demokratisierungsgrad sind, dann kann ich einfach nicht nachvollziehen, wie man an fünfzig türkischen Flaggen in einer deutschen Innenstadt etwas Gutes finden kann. Nota bene: Ich habe kein Problem mit dem Nationalstolz eines Fremden, da ich selber Stolz auf meine Nation empfinde. Daher will ich diesen Kritikpunkt bewusst nicht auf mich angewandt wissen (obwohl ich selber den Kemalismus für reichlich überholt und altertümlich halte).

Ein letzter und für mich schließlich entscheidender Aspekt der Geschichte ist folgender: Es soll hier zwar der Ankunft der ersten Türken gedacht werden, letztlich geht es aber doch um Integration. Und wie kann denn die türkische Flagge für eine gelungene Integration in Deutschland stehen? Die allermeisten, wenn nicht alle der ersten Gastarbeiter sind entweder deutsche Staatsbürger geworden oder aber, im Sinne des Wortes „Gastarbeiter“, wieder zurück in ihre Heimat gegangen. Müssten wir dann nicht folgerichtig deutsche Flaggen hissen? Die türkische Flagge als Symbol einer anderen Gesellschaft, einer anderen Kultur ist in meinen Augen das trennende Element, welches oftmals einer gelingenden Integration im Wege steht. Wieso sollte gerade dieses Element dann herausgestellt werden? Ich kann es nicht nachvollziehen und finde es viel zu kurz gedacht.

Für mich bleibt stehen, dass die Idee zwar sicher eine gute war, eine sehr hehre allemal. Aber die Umsetzung war schlichtweg nicht durchdacht und hat dem Anliegen letztlich einen Bärendienst erwiesen. Ich finde es sehr schade, dass aufgrund unnötiger Versäumnisse der städtischen Verwaltung nun die Stadt Würzburg in ein denkbar schlechtes Licht gerückt und zugleich die türkische Gemeinde düpiert wurde.

Grüße aus Würzburg!

Kilian
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