Wie Wolf und Mensch sich nähergekommen sind

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Aus dem aktuellen SWmagaz.in: Der ‚Canis lupus familiaris‘, wie unser Haus-, Hof-, Schoß- und Jagdhund heute mit der korrekten lateinischen Bezeichnung genannt wird, ist ja eigentlich immer noch ein Raubtier. Alle Hunderassen haben einen gemeinsamen Vorfahren, den Wolf. Bei dem ‚Canis lupus‘ ist eigentlich nur der Zusatz ‚familiaris‘ dazugekommen.

Irgendwann in der schier endlosen Evolutionsgeschichte sind sich Wolf und Mensch nähergekommen. Richtig losgegangen mit der Freundschaft ist es erst, als der Mensch so langsam sesshaft geworden ist. Sicher ist, dass sich die Urmenschen um verwaiste Wolfswelpen gekümmert haben und ihnen so eine Chance zum Überleben gegeben haben. Es haben sich Beziehungen entwickelt, die über die Abhängigkeit vom Menschen als Nahrungsgeber hinausgegangen sind.

Die in die menschliche Gemeinschaft aufgenommenen Wolfswelpen lernten den Menschen als Rudelführer anzuerkennen. Er bot nicht nur Nahrung, er zeigte auch wo es lang geht und spielte mit den Hunden. Die heranwachsenden Wölfe hatten keinen Grund, sich wieder aus dem menschlichen Rudel zu entfernen, sie passten sich an. Es wurden neue Welpen in diese Gemeinschaft geboren und bald wurde aus dem ‚wilden‘ Wolf ein vergleichsweise zahmer Hausgenosse.

 

Für den Mensch von Nutzen

Die Menschen entdeckten viele Eigenschaften an ihrem neuen Begleiter, die ihnen von Nutzen sein konnten. Der Wolf wurde zu einem hervorragenden Jagdhelfer. Seine Nase ist tausendfach besser als die Nase des Menschen. Seine anderen Sinne, wie z.B. sein Gehör, was um ein Vielfaches schärfer ist als das Gehör des Menschen, war sehr nützlich zur nächtlichen Bewachung der Lager. Das Bellen, als Warnsignal für sein menschliches Rudel, hat sich von ganz alleine entwickelt.

 

Der Beginn der Zucht

Man hat angefangen, mit der Zucht solche, für den Menschen nützliche Eigenschaften zu fördern. Mit dem Erreichen bestimmter Zuchtziele veränderten die ‚Wölfe‘ in der menschlichen Obhut auch ihr Aussehen. Die einen wollten besonders kleine Hunde, die auch mal Beute aus Erdbauen heraus jagen konnten, die anderen wollten besonders stattliche, große Hunde, die als Wachhunde mögliche Angreifer beeindrucken konnten.

Es bildeten sich auch Schönheitsideale heraus, die mit der Zucht verfolgt wurden; nicht immer zum Vorteil der Vierbeiner. Erst im 19. Jahrhundert begann man mit der eigentlichen Zucht von Rassehunden, wie wir sie heute kennen. Der Hund ist eines bis heute geblieben, und zwar unabhängig von Rasse und Größe, ein Rudeltier. Genau das ist auch heute der Kern des Zusammenlebens von Hund und Mensch.

 

Geprägt von der Mutter

Der ersten Rudelführerin, welche dem neugeborenen Hund zeigt wo‘s langgeht, ist seine Mutter. Sie ernährt ihn, wärmt ihn und gibt ihm Schutz. Dieses erste Rudel, zusammen mit den Wurfgeschwistern, ist für den kleinen Welpen viel mehr als eine Familiengemeinschaft, sie ist ein funktionierendes soziales System.

 

Der Vater übernimmt

Mit der achten Woche, so ist es jedenfalls beim Wolf heute noch in der Freiheit, gibt die Mutter ihr ‚Kind‘ an den Vater weiter. Von dieser Zeit an ist der Vater der Rudelführer und übernimmt die Erziehung des Welpen ganz und gar. Er weist ihm seinen Platz im Rudel zu, er maßregelt ihn, zeigt ihm seine Grenzen und lehrt ihm die Dinge, die er in der Wildnis zum Überleben braucht.

 

Der Welpe wird abgegeben

Jetzt wird auch klar, warum diese achte Woche bei unseren Hundewelpen genau der Termin, ist an dem er an sein neues ‚Rudel‘ abgegeben werden kann. Der neue ‚Vater‘, also sein Herrchen, das kann auch sein Frauchen sein, Unterschiede macht der Hund da keine, übernimmt die Rolle des Hundevaters in der Natur.

 

Sein Platz im Rudel

Die neue Familie ist sein Rudel und innerhalb dieses Rudels lernt der Hund spielerisch sich seinen Platz zu sichern. Es laufen in diesem neuen Rudel ähnlich wie in der Natur bestimmte Dinge während des Erwachsenwerdens ab. Besonders Rüden werden in dieser Zeit immer wieder mal versuchen, die Rangordnung innerhalb der Familie zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Einmal verweigert er bestimmte Verhaltensweisen, von denen man glaubt, dass sie schon gefestigt sind, oder er sucht die Konfrontation mit einem Familienmitglied, von dem er glaubt, dass es schwächer ist. Ohne Probleme akzeptiert der junge Hund, wenn er in die Schranken gewiesen wird. Er ist immer wieder mal auf der Suche nach seiner Position im Rudel. So grundsätzliche Verhaltensweisen wie das Reagieren auf verdächtig oder fremde Geräusche im Territorium des Rudels sind bei allen Hunden mehr oder weniger natürlich ausgeprägt.

 

Die Sprache des Hundes

Interessant ist das Verständigungssystem der Hunde untereinander und auch im ‚Familienrudel‘ zu beobachten. Mit einiger Übung kann man die ‚Sprache‘ unserer vierbeinigen Freunde durchaus verstehen lernen. Es ist die Körpersprache, mit der sich unser Hund innerhalb des Rudels verständigt. Daran hat sich auch im Vergleich zum Wolfsrudel wenig geändert. Unter Hunden geht es meist um die Rangordnung. Ein erhobenes Haupt und ein Schwanz, der kerzengerade in die Höhe steht sagt: „schau her, ich bin der Starke.” Unterwürfigkeit zeigt er, wenn er seinen Schwanz zwischen die Hinterläufe einzieht und den Kopf und die Ohren hängenlässt. Meist sind es nur Drohgebärden, die unsere Hunde von sich geben, wenn sie auf einen Artgenossen treffen, mit dem die Rangordnung noch nicht geklärt ist. Da wird geknurrt, die Zähne gefletscht und das Nackenfell aufgestellt, beim Zuschauen kann es einem Angst und Bang werden.

 

Der ‚Schauspieler‘ beim Kontakt

Der ‚Schauspieler‘, der das am überzeugendsten kann, hat den Wettstreit ohne Blessuren gewonnen. Der Untergebene legt sich auf den Rücken und bietet dem Gegner seine schwächste Stelle an, seinen ungeschützten Bauch. Er signalisiert damit: „Ich gebe auf, du hast gewonnen.” Er verzichtet auf jeden weiteren Widerstand.

Wenn der Wolfswelpe das Gesicht seiner Mutter leckt fordert, er Pflege und Futter ein. Vielen Hundebesitzern ist das Ableckenlassen zu unhygienisch, es zuzulassen ist aber die allerhöchste Stufe der Vertraulichkeit und Zuneigung zwischen Hund und Mensch.

 

Duftmarken, auch eine Sprache

Ein weiteres sehr wichtiges Verständigungssystem sind die Duftmarken. Hunde begrenzen ihr Territorium mit speziellen Duftstoffen im Urin. Die Rüden sind ‚Weltmeister‘ im ‚Tröpfchen-Pinkeln‘. In möglichst engen Abständen wird markiert und natürlich auch ‚gelesen‘, wer seine Marke zuvor hinterlassen hat. Auch die Duftdrüsen zwischen den Zehen an den Hundepfoten hinterlassen Duftmarken. Das alles kann nur unser Hund ‚lesen‘, diese Welt bleibt der menschlichen Nase verschlossen.

In der Welt der Menschen hat der Hund nur noch selten eine Funktion als Arbeitstier. Seine Aufgabe ist es, als Familienhund sein ‚Rudel‘ bei Laune zu halten. Es ist unumstritten, dass der tägliche Kontakt mit dem Hund eine positive Wirkung auf das Seelenleben hat. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Ein Hund verlangt aber auch, dass man sich um ihn kümmert. Er braucht nicht nur Auslauf, er braucht täglichen, intensiven Kontakt, er will teilhaben am gemeinsamen Leben.

von Jürgen Kohl – aus dem aktuellen SWmagaz.in: http://swmagaz.in/swmagaz-in-ausgabe-78-2012 

Foto: Markus Walti, pixelio